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Ethik und Wirtschaftsethik – die Frage nach Gerechtigkeit und Verantwortlichkeit | 27.01.2020

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Hannah hat eine Flöte geschnitzt. Das kann sie sehr gut, sie ist handwerklich sehr begabt. Johannes spielt Flöte und zwar ausgezeichnet; er ist im Unterschied zu den anderen in dieser Hinsicht sehr talentiert. Tessa ist sehr arm, sie kann sich keine Flöte leisten, nicht einmal die billigste. Handwerklich geschickt ist sie auch nicht. Und sie würde sich so gerne einmal ausprobieren und ihre Chancen austesten. Die drei streiten sich: Wer bekommt die Flöte?

Über diese Frage läßt sich trefflich streiten. Im o.a. Fall „Flöte“ haben wir es vor allem mit dem Thema der Gerechtigkeit zu tun. Gerechtigkeit und Verantwortlichkeit – das sind die Schlüsselbegriffe der (Wirtschafts-) Ethik. Mit ihren Betrachtungsweisen nach Kant, Mill, Aristoteles bzw. die Differenzierung von Begriffen wie Gerechtigkeit und Verantwortlichkeit ist die Ethik und Wirtschaftsethik die Basis, um Konflikte zu lösen bzw. ein effektives Wertemanagement zu betreiben.

Gerechtigkeit

Die Frage nach Gerechtigkeit bewegt die Menschheit von Anbeginn an. Sie bezieht sich oft auf die Verteilung / Zuteilung von Ressourcen und  findet sich heute beispielsweise in aktuellen Diskussionen der zunehmend ungleichen „Verteilung“ von Vermögen oder von Ressourcen, wie Rohstoffen, Wasser, oder den Zugang zu grundlegender medizinischer Versorgung u.a. weltweit wieder.

Gerechtigkeit wird gerne mit einer Waage assoziiert. Entscheidungskriterien sind

  • Bedarf
  • Leistung
  • Anspruch

Verantwortlichkeit

Verantwortung steht oft in Korrelation zur Gerechtigkeit, d.h. wer ist verantwortlich für die gerechte Verteilung von Ressourcen, den gleichberechtigten Zugang zu Bildung, medizinischer Versorgung u.a. bzw. auch zu aktuellen Frage von heute: Wer trägt die Verantwortung für das Arten- und Bienensterben, für die Lebensmittelverschwendung in den Industriestaaten, für die wachsende soziale Ungleichheit?

Räumliche und zeitliche Unterscheidungen:

Heute wird eher die  personenbezogene Kausalverantwortung / Individualverantwortung adressiert, früher die Kollektivverantwortung. In Europa herrscht eher die individualistische Ethik vor, die zur eben erwähnten  Kausalverantwortung / Individualverantwortung führt, in asiatischen Ländern wie China beispielsweise mehr die kollektive Ethik.

Bei der Verantwortung liegt die Frage zugrunde, wem wir eigentlich (problematische) Handlungsfolgen zuschreiben können. Wie viele Relationen hat „Verantwortung“?

Ethisch gesehen ist der

  • Urheber (U) für ein
  • Ereignis (E) gegenüber dem
  • Adressaten (A) aufgrund eines
  • normativen Maßstabs (M) verantwortlich

Menschenwürde, Moral, Ethik

Oft wird im Rahmen der Ethik von Moral gesprochen. Bei der Moral handelt es sich um  Sitten, Gebräuche und Traditionen in einer bestimmten Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit, also um die alltäglich gelebte Praxis. Ethik ist die Moralphilosophie, die kritische Reflexion der Moral.

Ein weiterer Schlüsselbegriff der Ethik ist die (Menschen-) Würde. Hier herrschen zwei  Denkansätze vor:

  • Kategoriales Würdekonzept (Medizinethik – ab Verschmelzung Samen- mit Eizelle = Würdewesen)
  • Graduelles Würdekonzept (In Abhängigkeit von Entwicklung,Schmerzempfinden, imstande zu freier Willensbildung)

Was macht eine Handlung moralisch gut?

Drei Moralphilosophen der letzten Jahrhunderte haben sich mit der Frage „Was macht eine Handlung moralisch gut?“ beschäftigt. Drei  Argumentationswege ergeben sich aus ihren unterschiedlichen Denkansätzen.


John Stuart Mill (1806-1873), Vertreter des Utilitarismus als eine Form des Konsequentialismus

Nach Mill ist die Herbeiführung und Maximierung von Glück der einzige überzeugende Zweck einer Handlung und zugleich das Kriterium, um menschliches Handeln moralisch zu beurteilen. Moralisch richtig ist, was das Glück (aller) befördert, moralisch falsch, was das Gegenteil bewirkt.

Nach Mill kommt es also auf das Handlungsergebnis an!


Immanuel Kant (1724–1804), Vertreter der Pflichtenethik/ Deontologie

Gemäß Kant ist das Motiv/ der gute Wille höher zu schätzen, als alles, was durch ihn bewirkt wird. Es zählt Achtung der Gesetze und der Würde des Menschen.

Der von Kant formulierte kategorische Imperativ lautet: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

Nach Kant zählt die Handlungsabsicht!


Aristoteles (ca. 384-322 v.Chr.), Vertreter der  Tugendethik

Aristoteles stellt praktische Klugheit statt Regeln und Gebote in den Fokus, das Treffen der angemessenen Mitte. Unter Tugend ist das Mittlere, d.h. nicht zu viel und nicht zu wenig, die Mitte zwischen Übermaß und Mangel, zu verstehen. Im Fokus der Tugendethik steht die gemäß der Situation angemessene ethische Handlung und der Charakter.

Nach Aristoteles ist der Charakter bzw. die Angemessenheit der Handlung ausschlaggebend!


Verortung der Wirtschaftsethik

Mit der Wirtschaftsethik bewegen wir uns – im Unterschied zur Deskriptiven und Methaethik – im Bereich der Normativen Ethik und weiterführend in dem der Angewandten Ethik und Sozialethik. Die Angewandte Ethik untergliedert sich in die Bioethik, Technische Ethik und Politische Ethik. Die Sozialethik beinhaltet neben der Wirtschaftsethik auch die Zweige Arbeitsethik und Medienethik.

Wirtschaftsethik wird in den nachfolgenden drei Ebenen betrachtet:

  • Mikroebene – ethisches Handeln von Individuen in ihren Rollen als Bürger, Kollege, Konsument…
  • Mesoebene – ethisches Handeln von Unternehmen, Gewerkschaften, Verbänden, Vereinen …
  • Makroebene – ethisches Agieren wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Ordnung bzw. Ordnungssysteme (Volkswirtschaft)

Die Konsumentenverantwortung als Teil der Wirtschaftsethik ist also auf der Mikroebene angesiedelt, die Unternehmensverantwortung, ebenfalls Teil der Wirtschaftsethik, auf der Mesoebene, die (wirtschafts-) politische Verantwortung auf der Makroebene.

Eine ethische Frage im Bereich Unternehmensverantwortung ist beispielsweise die Gehaltstransparenz oder die Gehaltsspreizung. Im Bereich der Konsumentenverantwortung beispielsweise kann es u.a. um den Kauf von Billig-Fleisch aus Massentierhaltung oder von pestizidbelasteten Lebensmitteln mit ihren fatalen ökologischen und oft auch sozialen Folgen. Jeder Kauf ist eine „Neubestellung“ dem Hersteller gegenüber. Denkt man hier weiter, kommt man zum Thema Kaufanreize über staatliche  Steuerungsinstrumente, d.h. von der Mikroebene wieder auf die Makroebene.

Wirtschaftswissenschaft eine Form der Sozialwissenschaft

Interessanterweise ist die Wirtschaftswissenschaft eine Form der Sozialwissenschaft, nämlich die Wissenschaft vom Handeln des Menschen. In Zeiten des Homo oeconomicus, dem kurzgefasst – rationalen / logischen Nutzenmaximierer – bzw. einer Wirtschaftswissenschaft, stark verengt auf Profitoptimierung, scheint das erstaunlich. Denn der Mensch mit all seinen Facetten und in seiner emotionalen Vielschichtigkeit kommt in der heutigen Wirtschaftswissenschaft nicht vor. Die Wirtschaftswissenschaft hat den nicht sehr erfolgreichen Versuch unternommen, den Menschen mit dem inzwischen umstrittenen Modells des Homo oeconomicus berechenbar zu machen.  Noch erstaunlicher: Früher wurde die Wirtschaftswissenschaft Moralwissenschaft genannt.

Es stellt sich auch hier –  gerade wenn die Deutschen zu 69% die wirtschaftlichen Verhältnisse als ungerecht ansehen (gemäß einer Umfrage vom Allensbach-Institut) -, die Frage nach „wer ist verantwortlich“ und „was ist gerecht“ – mit anderen Worten – nach der Ethik.


Zurück zum Fall „Flöte“:

Gerecht entschieden werden kann hier nach den Kriterien: Bedarf, Leistung, Anrecht.

  • Die Herstellerin hat die Leistung erbracht.
  • Das arme Kind hat den höchsten Bedarf.
  • Der Flötenspieler hat das höchste Anrecht.
Welches Kriterium fänden Sie ausschlaggebend?
 

Monika Stoehr Nachhaltigkeitsmanagement Darmstadt | Nachhaltigkeitsmanagement Rhein-Main | Nachhaltigkeitsmanagement Rhein-Neckar

Januar 2020


Mehr zum Veranstalter / zur Veranstaltung/ zur Quelle:

Thales Akademie

https://www.thales-akademie.de/ 

Die Thales Akademie für Philosophie und Wirtschaft bietet in Zusammenarbeit mit der Universität Freiburg einen CAS-Lehrgang zum Thema Wirtschaftsethik an.


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